Perspektiven · 04

Über die zweite Karriere.

Von Carlos Magalhães · Mai 2026 · 2 Min. Lesezeit

Nach vielen Jahren der Unternehmensführung habe ich etwas verstanden, das die meisten übersehen: die zweite Karriere. Nicht Ruhestand. Nicht Rückzug. Der bewusste Übergang vom Geschäftsführer, der täglich Entscheidungen trifft, zum Inhaber, der ernennt, leitet und Verantwortung trägt, während andere führen.

Die meisten Führungspersonen unterschätzen, wie schwierig dieser Übergang tatsächlich ist.

Als Geschäftsführer füllt sich der Kalender von selbst. Probleme treffen ständig ein, Entscheidungen sind gefragt, ganze Tage vergehen unbemerkt. Als Inhaber wird der Kalender stiller. Die Versuchung ist, ihn wieder mit Sitzungen, Anrufen und Mandaten zu füllen, nur um beschäftigt zu bleiben. Die Disziplin ist, diesem Instinkt zu widerstehen. Ein leerer Kalender schafft Raum für Urteilskraft.

Auch das Verhältnis zwischen Wort und Gewicht verändert sich. Wenn ein Geschäftsführer spricht, bewegen sich die Menschen sofort. Im Verwaltungsrat können dieselben Worte nichts bewirken, wenn sie nicht im richtigen Moment, mit Klarheit und Zurückhaltung gesprochen werden. Weniger zu sagen, und nur dann, wenn es zählt, wird Teil der Verantwortung.

Ein weiterer Übergang ist das Verhältnis zum Nachfolger. Geschäftsführer schliessen instinktiv Lücken innerhalb ihrer Organisationen. Inhaber müssen lernen, dem nächsten Geschäftsführer zu erlauben, sich auf eigene Weise zu entwickeln, auch durch Fehler. Zu früh einzugreifen erzeugt Abhängigkeit. Zu spät einzugreifen lässt Probleme wachsen. Für dieses Gleichgewicht gibt es keine Formel. Nur Erfahrung, Geduld und Urteilskraft.

Was mich am meisten überrascht hat: Die Rolle wird oft anspruchsvoller, nicht weniger. Ein Verwaltungsratspräsident oder Inhaber kümmert sich womöglich um weniger operative Details, doch die Folgen jeder Entscheidung werden grösser. Ein Gespräch kann ein Unternehmen umlenken. Eine Berufung kann ein ganzes Jahrzehnt prägen.

Mit der Zeit habe ich diese zweite Karriere nicht mehr als Schlusskapitel der ersten gesehen, sondern als einen eigenen Beruf mit eigener Disziplin und eigener Verantwortung. Erfahrung hilft, bereitet aber nicht automatisch auf diese Rolle vor. Die Gewohnheiten, die einen erfolgreichen Geschäftsführer ausmachen, machen nicht zwangsläufig einen erfolgreichen Inhaber.

Der Inhaber, der weiterhin wie ein Geschäftsführer handelt, wird mit der Zeit zum Engpass. Der Inhaber, der die neue Rolle versteht, lässt anderen Raum zum Führen.

Carlos Magalhães

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